Kriegstagebuch Rudolf Kirschmer 1940-1944

Mein Vater

 

Draußen ist es ungemütlich. Nass und kalt es dämmert. Ich sitze in meinem Wohnzimmer. Gedanken und Erinnerungen gehen durch meinen Kopf. An die warme Sommerzeit, an Urlaub, an Venedig meine Traumstadt. Es ist jetzt dunkel. WeIches Datum haben wir heute? Es ist der 29. November. Das Datum erinnert mich an etwas. Es dauert ein paar Minuten dann weiß ich es.

Mein Vater hat im Krieg 1944 an diesem Tage ein Gedicht geschrieben:

Soldatenlied

Ein kleines Grab steht still und schlicht

ein Stahlhelm drauf  - im Abendlicht.

 

Es schläft darin mein Kamerad,

im Sterben er gelächelt hat.

 

Sein Lächeln aber war voll Schmerz:

zuhause war sein sorgend Herz.

 

Im Tode verklärt sich sein Gesicht:

Ich seh´ den Bruder, stark und licht,

 

und hinter mir ein freies Land,

zwei Kinder an der Mutter Hand.

 

Ich bin bereit, nun Tod, so komm!

Ich sterbe ruhig, ich war fromm.

 

Ein kleines Grab steht still und schlicht

im Sonnenglanz, im Morgenlicht.

 

Mein Vater ist 14 Tage später am 12.12.1944 im Kampf gefallen.

Ich war damals dreieinhalb Jahre alt und habe keine Erinnerung an ihn. Da ich ihn nicht kannte, habe ich ihn auch nicht vermisst. Doch fast 70 Jahre danach kreisen meine Gedanken oft um ihn.

Er hat mir neben dem Gedicht auch ein Tagebuch hinterlassen, geschrieben von 1940 bis Ende 1944. Ich lerne ihn durch das Tagebuch kennen. Seine Art: gutherzig, humorvoll, lebensbejahend, mutig. Ähnliche Wesenszüge sehe ich bei mir. In den Zeilen spüre ich die Liebe zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Und dann der Stolz auf seinen Sohn, mich. Am 19. Juni 1941, zwei Tage nach meiner Geburt schreibt er: Ruhetag. Telegramm: „Bub angekommen Mutter und Kind gesund.“ Er schreibt: „Ich bin außer mir vor Freude. Ich bringe den Mund nicht mehr zu.“

Durch das Tagebuch ist mir mein Vater nahe. Ich bewundere seinen Mut. Bei dem Kampf um die Brücke von Arnheim ist er an vorderster Front. Zitat: „Ich melde beim Kampfgruppengefechtsstand das Erreichen des Angriffsziels. Vor den anderen Offizieren heftet mir Major Knaust, Ritterkreuzträger, sein eigenes EK I (Eisernes Kreuz) an die Brust. Ich bin stolz auf die erste Auszeichnung innerhalb der Kampfgruppe.“

In letzter Zeit lese ich öfters in dem Tagebuch. Neben der Wehmut gibt es auch viel Zuversicht und Hoffnung. Besonders seine Schilderung der winterlichen Alblandschaft beim Militärlager Münsingen während der Ausbildung oder seine literarischen Ausführungen wie „Meine Pfeife“ oder „Auf Horchposten“ wecken positive Gefühle.

Ich sitze immer noch am Fenster und schaue nach draußen. Durch die Dunkelheit spiegelt sich mein Gesicht  im Fenster. Ich erkenne mich und auch meinen Vater und spüre ich bin ein Teil von ihm und denke: „Eig  entlich bin ich wie Du, obwohl ich Dich nie kennen lernen durfte. Ich habe dich ganz fest in meinem Herzen“.

 

Lebenserinnerungen Heiner Kirschmer

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